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Thursday, April 4, 2024

Ein Ende adipösen Leidens?

 Für "Nie wieder dick mit Abnehmspritze" bin ich nicht die wirklich richtige Zielgruppe - zum einen habe ich keinen BMI von 30 oder mehr, zum anderen habe ich eine starke Aversion gegen Medikamente, wenn sie nicht absolut behandlungsnotwendig sind. Eine Spritze als Zaubermittel gegen adipöses Leid  - da bin ich von vornherein skeptisch, wenn ich auch verstehe, dass Menschen, die mit allerlei Diäten nicht zum Ziel gekommen sind und unter ihrem Körpergewicht leiden (das bei einem so hohen BMI ja auch zu gesundheitlichen Risiken führt) Und der Autor des Buches, Matthias Riedl, ist mir in Büchern zu Medical Cuisine positiv aufgefallen. Gegen ernährungswissenschaftliche Tipps spricht sowie nie etwas. Ich mag nicht adipös sein, aber Hüftgold und Speckröllchen sind mir auch nicht völlig unbekannt.

Zunächst gibt es einige Theorie über die Spritze, über die seit einiger Zeit als Wundermittel und letzte Hoffnung vieler Menschen mit hohem Übergewicht geredet wurde. Wenig überraschende Stellungnahme von einem Ernährungsmediziner: Mit artgerechter Ernährung könne man genauso viel abnehmen wie mit der Spritze. 

Riedl setzt auf die Kombo, die Eigenverantwortung mit bewusster Ernährung, bei der die Spritze lediglich Motivationshilfe sein soll. Wie bereits in anderen Büchern zu Ernährungsumstellung, in denen es vor allem um Fettverbrennung und Ankurbelung des Stoffwechsels geht, wird erst mal erklrt, was es mit Proteinen, Fetten und Kohlehydraten auf sich hat, wie es um Ballaststoffe und Fruchtzucker steht. Mit Hilfe von Beispielen verschiedener Lebensmittel wird zudem aufgelistet, welche Stoffe in welchen Lebensmitteln besonders stark vertreten sind.

Die folgende Sammlung der Genussrezepte bietet dann so einiges, was ich mir auch ohne Abnehmspritze und BMI-Probleme in meinen Speiseplan integrieren will, denn sie klingen einfach lecker, auch ohne Diätambitionen. Aber dass sie obendrein leicht und gesund sind, ist natürlich ein zusätzlicher Anreiz - etwa für das Ricotta-Spinat-Omelett, das zwar unter den Frühstücksrezepten ist, aber (ich bin mehr der Typ für schwarzen Kaffee am Morgen) auch als leichtes Mittags- oder Abendessen schmecken dürfte. Gleiches gilt für die Linsen-Pancakes mit gebratenen Pilzen und Avocado, eine ugewöhnliche Kombination, die mich gleich geflasht hat. Auch der gegrillte Chicoree mit Bohnen-Feta-Salat macht nicht nur optisch was her und die Pistaziensuppe mit Orientwürze ist ein Gericht, das mich sofort aufmerksam macht. Richtig klasse für Leber und Stoffwechsel dürfte mit all den Bitterstoffen das Risotto mit Radicchio und Walnusskernen sein, während die GemüsePancakes mit Räucherlachs auch beim Brunch eine bella figura machen dürften. Ein echter Canelloni-Ersatz sind die Zucchini-Röllchen mit Tofu-Gemüse Ragout. Kurzum: Es gibt hier so einiges, was auch deutlich unterhalb eines BMI 30 für dieses Buch spricht.


Matthias Riedl, Nie wieder dick mit der Abnehmspritze

GU 2024

160 Seiten, 19,99

 9783833894206

Saturday, January 21, 2023

Stoffwechselprozesse, anschaulich erklärt

 Irgendwann nach dem 40. Geburtstag ging es bei mir los:  Der Zeiger der Waage zeigte weiter als früher, und es dauerte länger und wurde mühsamer, das alte Gewicht wiederherzustellen. Und auch bewusste und möglichst gesunde Ernährung ändert nichts daran, dass meine Figur als 30-jährige mittlerweile eine traurige Erinnerung ist. Es ist eine Erfahrung, mit der ich nicht alleine dastehe (was immerhin ein bißchen tröstlich ist), und es braucht keine Schokolade- und Chipsorgien: Mit zunehmendem Alter wird der Stoffwechsel langsamer.

Was sich hinter den Stoffwechselprozessen im menschlichen Körper verbirgt und wie sie sich im Alter verändert, erläutert  Ingo Froböse anschaulich in seinem Buch "Der Stoffwechsel Kompass". Wer jetzt einen Diät- oder Ernährungsratgeber sucht,  dürfte enttäuscht sein, denn hier geht es erst einmal um das Grundverständnis dessen, was im Körper abläuft. Dazu gehört auch die Erläuterung, dass es nicht "den" Stoffwechsel gibt. Froböse erläutert Prozesse von der Nahrungsaufnahme bis zur Ausscheidung, die biochemischen Prozesse im Körper, die Verstoffwechslung von Kohlehydraten, Fett und Eiweiß, aber auch die Sonderabläufe etwa in Muskeln oder im Gehirn.

Dieser theoretische Überbau lässt die Pfunde zwar nicht wegschmelzen, doch er zeigt, was Körper und Organen gut tut, die Vitalität und Gesundheit erhält oder stabilisiert. Dass Froböse für diejenigen mit Wunsch nach Gewichtsverlust Verzicht auf gezuckerte Getränke fordert und auf Ausdauersport und Krafttraining setzt, ist wenig überraschend. Schließlich wissen wohl die meisten Menschen, dass mehr Muskeln auch mehr Kalorienverbrennung bedeuten. Dumm, dass mit zunehmendem Alter - genauer gesagt spätestens ab dem 30. Lebensjahr - die Muskelmasse Jahr für Jahr zurückgeht. Die Folgen sehen viele der ü40ff täglich im Spiegel.

Froböse verspricht in der Hinsicht keine Wunder. Aber gesund alt zu werden, ist ja auch schon mal was. Die gute Nachricht des Professors: Es ist nie zu spät, anzufangen.

Ingo Froböse,  Der Stoffwechsel Kompass

Ullstein 2022

304 Seiten, 19,99

9783864931536

Friday, June 26, 2020

Pest und Corona - von Pandemien der Vergangenheit lernen

Kein Zweifel: Die Covid-19 Pandemie hat unser Leben verändert. Ob Reise- und Bewegungsfreiheit, Warenflüsse und Handelswege, die Organisation des Arbeitsalltags oder das soziale Miteinander - all dies erlebt derzeit eine Zäsur. Es gibt die Zeit vor Corona und diese neue, seltsame Realität mit Maskenzwang, sozialer Distanz, Abstandsregeln und einer ganz neuen Wertschätzung von Hygiene. 

"Die Pest" von Camus erlebt eine literarische Neuentdeckung durch eine neue Lesergeneration, Mund-Nase-Masken gehören zum Styling des Frühjahrs/Sommer 2020 - und wer weiß, wie lange sie uns noch begleiten. Lässt sich aus Pandemien der Vergangenheit etwas für unsere Corona-Wirklichkeit und möglicherweise für die Zukunft lernen? Die beiden Medizinhistoriker Heiner Fangerau und Alfons Labisch ziehen in ihrem Buch "Pest und Corona" Vergleuche, auch zum Umgang mit Krankheiten.

In den Wirtschaftswunderjahren etwa seien Gripppetote noch eher hingenommen worden,  mittlerweile würden vorzeitige Tode nicht mehr hingenommen. An die Stelle eines gewissen Fatalismus sei die Forderung getreten, dass jedes Leben gerettet werden solle.

Die Methoden im Umgang mit Pandemien ähneln sich, auch wenn sich die Einstellung zu Kranken geändert hat, seit Pestkranke vom Rest der Gesellschaft regelrecht geächtet und ihrem Schicksal überlassen  wurden. Kontaktbeschränkungen etwa seien schon während der Spanischen Grippe angewandt worden.

Die Mobilität der Menschen im 21. Jahrhundert, das weltweite Reisen, Massenveranstaltungen und Eventkultur bilden allerdings eine besondere Herausforderung in Zeiten von Pandemien. Um so wichtiger, so die Schlussfolgerung der Autoren, Erreger  neuer Pandemien schnell und frühzeitig einzugrenzen - am besten schon dort, wo sie entstehen. Eine Schlüsselrolle spielten dabei die Flughäfen - angesichts der modernen internationalen Drehkreuze, wo in der Zeit vor Corona Menschen aus aller Welt und mit allen möglichen Zielen im Transitbereich, am Gepäckband oder an der Sicherheitskontrolle ihre Wege kreuzten (und womöglich Viren weiter reichten) - eine naheliegende Schlussfolgerung,

Allerdings zeige die Vergangenheit, dass nach einer Epidemie zwar fleißig analysiert und geplant werde. Dann aber geschehe wenig, um die nächste Pandemie zu stoppen oder gar zu verhindern, so die eher desillusionierte Erkenntnis der Analyse.

Heiner Fangerau Alfons Labisch, Pest und Corona. Pandemien in Geschichte, Gegenwart und Zukunft
Herder 2020, 18 Euro, 
ISBN 978-3451388798